Der blöde Wolf und ich (Erzählperspektiven)

An diesem Morgen zog ich meine rote Kappe über, bevor ich mich auf den Weg zur Großmutter machte. Die Kappe kniff und kratzte zwar, Oma ließ aber gern ein paar Scheinchen springen wenn sie gute Laune hatte. Also tat ich ihr den Gefallen und trug das Teil, das sie zu einer Zeit gestrickt hatte, als die Gicht noch nicht die Herrschaft über ihre Gliedmaßen übernommen hatte.

Ich ließ die ewig gleichen Ermahnungen meiner Mutter über mich ergehen und lief aus dem Haus. Kaum war ich außer Sichtweite krempelte ich den Bund meines Rockes, um den Weg im verbotenen Mini fortsetzen zu können. Meine Schafwoll-Overkness würden das Übrige tun, um mit ihrem Duft den blöden Wolf anzulocken. Heute war er fällig, der gemeine Mistkerl.

Meine Knarre hatte ich im Kuchen, und über das GPS meines iPhones konnte mein Kumpel, der Jäger, jederzeit meinen genauen Standort ermitteln. Ich hüpfte des Weges, bereit mich der Gefahr zu stellen. Gleich würde er um die Ecke biegen und mich mit süßer Stimme auf allerlei Florales und Flattergetier aufmerksam machen.

Dumm für den Wolf, dass er nicht lesen konnte. Ich hatte die Gesamtausgabe von Grimm und war ihm damit meilenweit voraus.

 

ÜBUNG aus dem Schreibworkshop/Lekoratstreffen in der Prosawerkstatt. Umschreiben eines  Textes in eine andere Erzählperspektive, in meinem Fall vom auktorialen (allwissenden) Erzähler in die Ich-Perspektive.

Die Ich-Perspektive ist eine gern gewählte Erzählweise, die jedoch vielen Einschränkungen unterlegen ist. Wenn es um die Entwicklung eines Charakters geht, ist sie die erste Wahl. Der Leser kann sich einwandfrei mit dem Protagonisten identifizieren und ist ganz nah bei ihm. Der allwissende Erzähler ist zwar „aus der Mode“ gekommen, kann aber Spannung und Abwechslung in eine Geschichte bringen. Er kennt die Gedanken aller beteiligten Personen, kann beliebig in der Zeit herum-switchen und jedes Gefühl und jedes Ereignis reflektieren. Zwischen diesen beiden agiert der personale Erzähler, die wohl am häufigsten eingesetzte Erzählweise. Die Grenzen zwischen den Techniken sind fließend und können, wohldosiert, auch innerhalb eines Geschichte wechseln.

Ein exemplarisches Beispiel hierfür ist Die Entdeckung des Himmels (Partnerlink) von Harry Mulisch. In diesem epischen Roman beeinflusst und kommentiert einer der „Schicksals-Engel“ aus der Ich-Perspektive den Fortgang der (auktorial erzählten) Geschichte, steht selbst aber außerhalb von ihr.

Welche Erzählperspektive, ob beim Lesen oder Schreiben, ist euch die liebste?

 

 

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