Die Gwailor-Chronik (1) – Im Schatten der Prophezeiung

 

Die Gwailor-Chronik (1): Im Schatten der Prophezeiung

Diesen Roman würde ich unter High Fantasy einordnen, denn er spielt in einer ganz eigenen Welt und zu einer nicht einzuordnenden Zeit. Er beginnt mit einer ödipalen Prophezeiung, die dem neugeborenen Sohn eines zweier konkurrierenden Königreiche im Lande Gwailor zuteil wird: Er werde seinen Vater hinterrücks ermorden, so die Seherin des Hofes. Damit scheint das Schicksal des kleinen Dayin besiegelt. Der geliebte König muss geschützt werden, und es ist nur der unendlichen (und im Verlauf der Geschichte tragischen) Liebe der Königin zu verdanken, dass der Junge ein einigermaßen annehmbares Leben führen kann. Dieses wird ihm allerdings von seinem kurz nach ihm geborenen Bruder und einigen fanatischen Anhängern des Königs vergällt.
Der mythische Stoff des Ödipus gibt eine Menge her. Kurz zur Erinnerung:

Das Orakel von Delphi prophezeit dem verfluchten König Laios, sollte er jemals einen Sohn zeugen, werde dieser ihn töten. Tatsächlich wird ein Sohn geboren, der im Gebirge ausgesetzt und später an einem anderen Königshof aufgezogen wird. Ohne seine wahre Identität zu kennen tötet dieser Sohn, Ödipus, später in einem Handgemenge tatsächlich seinen Vater (und heiratet später der Prophezeiung gemäß seine Mutter). Es stellt sich zwangsläufig die Frage, ob mit der Reaktion auf die Prophezeiung nicht deren Erfüllung erst ermöglicht wurde.
Dayin aus dem Königreich Tarell jedenfalls macht ganz und gar nicht den Anschein, als sei er gewalttätig oder des Mordens fähig. Dennoch muss auch er nach einem tragischen Ereignis sein Zuhause verlassen. Mehr verrate ich nicht, bin jedoch sehr gespannt, wie Dayins Geschichte in Teil 2 aufgelöst wird.
Auch das zweite Königreich Gwailors, Lumaa, bekommt einen Thronfolger. Unglücklicherweise ist es ein Mädchen, was den König dauerhaft frustriert. Noch dazu, weil das zarte Mädchen kein Interesse am Waffentraining zeigt, sondern lieber in seiner Vogelvoliere die Zeit verbringt.
Es gibt Frauen mit großen magischen Kräften in Gwailor, die Seherinnen und die Heilerinnen. Die kleine Prinzessin Lilell zeigt hier deutlich mehr Talent, mehr verrate ich jedoch nicht.

Die Sprache des Buches:
Die Sprache wird der Geschichte absolut gerecht. Niemals entblößend, sondern sanft betrachtend entführt sie den Leser dank anschaulicher Beschreibungen und Innenschauen in die fremde Welt. Es wird abwechselnd aus beiden Königreichen berichtet, was jeweils ganz verschiedene Stimmungen hervorruft.
Die Geschichte ist aber mehr als nur das Erzählen fantastischer Ereignisse: Sie birgt in sich auch die Frage nach dem Schicksal, nach der Unabänderlichkeit menschlicher Lebenswege und nach den seelischen Gemeinsamkeiten aller Lebewesen. Wie verändern Zuschreibungen das Leben, und das Wesen eines Menschen? Wie findet man sich selbst? Gibt es Dinge, die einem unausweichlich begegnen? Diese aufgeworfenen Fragen machen den Roman für mich wertvoll und lassen mich auf Band 2 freuen.

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