Hexen und Hexenangst

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Gibt es Hexen? Diese Frage wird wohl von vielen Seiten verschieden beantwortet werden. Aus Sicht der Wissenschaft würde sie verneint, selbsternannte neuzeitliche Hexen würden sie mit Verweis auf sich selbst bejahen, und auch viele Christen glauben nicht nur an Dämonen (ich finde das strange), sondern auch an den Teufel und an Hexen, die mit diesem im Bunde stehen sollen. Ja, heute, im Jahr 2015. Für manche Feministinnen ist die Hexe dagegen ein Symbol der weiblichen Kraft und Unabhängigkeit, für mich die sympathischste Interpretation. Ich bin jedoch nicht hier, um diese Frage zu beantworten, sondern um ein Buch vorzustellen, das sich mit den unglaublichen Ereignissen der frühen Neuzeit beschäftigt, und zwar aus psychoanalytischer Sicht. Ihr werdet überrascht sein.

Autorin Evelyn Heinemann widerlegt die These, dass es sich bei den als Hexen verfolgten Frauen größtenteils um junge und hübsche Dinger gehandelt habe, die entweder aus Neid oder sexueller Frustration diffamiert wurden. Im Gegenteil macht sie darauf aufmerksam, dass es sich bei den verfolgten „Hexen“ meist um alte und arme, bedürftige Frauen gehandelt haben soll. Wie kann eine alte, hilfsbedürftige Frau einen solchen Hass hervorrufen?

Wenn Frauen der Hexerei bezichtigt wurden, dann war ihnen vorher meist ein Unrecht geschehen, und zwar ein vom Ankläger selbst verursachtes. Man verweigerte einer alten Frau die Hilfe oder bezahlte die Eier nicht die man von ihr bekam, und sie zog, vielleicht etwas murmelnd, von dannen. Das schlechte Gewissen führte dann dazu, dass die künftigen Ankläger in einem darauf folgenden Unglück den Einfluss der „Hexe“ vermuteten. Ein Vorgang, der sich nur im Kopf des Anklägers abspielte, denn wir gehen jetzt einfach mal davon aus, dass diese Frauen niemandem einen Blitz aufs Dach geschickt haben oder einen Penis abfallen ließen. Das eigene unmoralische Verhalten, gepaart mit Angst und der irrtümlichen Kausalität zu zufälligen Ereignissen, führte zur Bezichtigung der Hexe. Anstelle der eigenen Schuld wurde dann die „Hexe“ vernichtet.

Dies geschah zu einer Zeit, als die Kultur der gegenseitigen Hilfe und der Selbstverständlichkeit von Almosen gerade zusammenbrach. Ursache war die zunehmende Verstädterung und die zunehmende Betonung ökonomischer Werte-Vorstellungen. Vorher war das Leihen und Verschenken, das gemeinsame Essen und Trinken eine gutnachbarliche Pflicht. Die Hexenbeschuldiger verweigerten sich dieser gewachsenen Traditionen und machten sich selbst damit schuldig. In der Erwartung der Rache der „Hexe“ wurde nun jedes zufällige Ereignis mit dieser verknüpft, die Angst vor Rache konnte sogar selbst Krankheiten auslösen.

Wisst ihr, woran mich das erinnert? An die Flüchtlinge, denen so viele Menschen mit Hass begegnen. Ich glaube das ist etwas ganz ähnliches: Eigentlich müsste man ihnen helfen, und man wer auch ökonomisch dazu in der Lage. Man hat aber keine Lust dazu. und darum ersetzt man das eigene schlechte Gewissen durch Hass.

Wenn ihr übrigens denkt, dass mit der Hexenverfolgung hätte sich erledigt, dann muss ich euch leider enttäuschen. Ihr könnt ja hier einmal lesen, wie die fundamentalistischen evangelikalen Gemeinden in Afrika weiterhin fröhlich Hexenjagd betreiben und warum besonders sogenannte „Hexenkinder“ darunter leiden müssen. Das Ganze war und ist ein echtes Trauerspiel.

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