Wem gehört die Zukunft?

Wem gehört die Zukunft?: „Du bist nicht der Kunde der Internetkonzerne. Du bist ihr Produkt.“

Jaron Lanier wurde mit dem Friedensnobelpreis des Deutschen Buchhandels ausgezeichnet – ein Grund sein Buch vorzustellen, dessen Titel besonders Internetskeptiker und -gegner anziehen wird. Lanier als Computerwissenschaftler unternimmt den Versuch einer Entlarvung der Umsonst-Kultur des Internet und zeigt die unschönen Folgen der Informationsökonomie auf. Nicht nur dass wir freigiebig unsere Daten der Sammelwut riesiger Konzerne überlassen, die sie monetarisieren – er befürchtet auch das Verschwinden großer Teile der Mittelschicht, deren spezielle Fähigkeiten automatisiert würden.

Im Grunde sagt er, dass wir im Internet zwar vordergründig vieles umsonst bekämen, aber eben mit unserer Freiheit dafür bezahlen würden. Seine Lösung ist eine „humanistische Informationsökonomie“, in der dann eben alle freiwillig für Daten bezahlen sollen, jeder aber auch der Besitzer seiner eigenen Daten wäre. Der Staat könne ja für jeden Bürger Cloud-Speicherplatz für die Daten bereitstellen (eine tolle Idee).
Die Informationsökonomie sieht er nicht als kapitalistisch – sondern als neu-feudalistisch. Kapitalismuskritik ist in seinen Ausführungen auch nicht zu finden, u.a. lehnt er gemeinschaftliche geistige Güter ab (Wikipedia, Linux etc.). Als Folgen der aktuellen Entwicklung befürchtet er Rezession, Arbeitslosigkeit und staatliche Sparmaßnahmen. In teilweise parodistischen Gedankenexperimenten zeichnet er ein verstörendes Bild einer möglichen Zukunft. Wie wäre es, wenn die meisten Dinge in 3D Druckern hergestellt würden, und sogar die Altenpflege von Robotern übernommen werden würde?
Erhellend fand ich die Erläuterung, wie die Hippie-Spiritualität auf die Technologiekultur wirkte. Die New-Age Bewegung hatte einen großen geistigen Einfluss auf Silicon Valley. „Alles ist machbar“ und „Es geht nur um mich“. Heute verwirklichen wir uns auf der Schablone von facebook. Tun wir es nicht, sei dies wie eine Schwächung unseres Selbst.

So weit, so skeptisch – aber hat er Recht? Frank Schmiechen schreibt in der Welt, Lanier sei ein Zausel und rede ziemliche Unsinn.

Und Florian Kramer demontiert Lanier auf dem Merkur-Blog gleich komplett.

Ich kann mich diffus an Visionen der 80er Jahre erinnern, als die Automatisierung noch nicht so weit fortgeschritten war. Die Idee war, dass Maschinen den Menschen schwierige und ungesunde Arbeit abnehmen sollen, und die Besitzer der Maschinen soviel Steuern zahlen, dass die dann weniger arbeitenden Menschen versorgt werden  (und sich den schönen Dingen zuwenden können). Die Idee war ja schön….aber in einer marktorientierten Welt haben die Verantwortlichen kein Interesse daran. Das wird sich voraussichtlich in der Zukunft nicht ändern.  Laniers Lösung ist jedoch auch keine, da sie sämtliche Bereiche durch-monetarisieren würde, bis ins Privatleben hinein. Und sind Veränderungen nicht immer bedrohlich? Haben Automobile und die Eisenbahn nicht auch die Hersteller von Kutschen verdrängt? Es ist ja klar, dass niemand von uns weiß, wohin sich die Zukunft entwickelt. Aber letztendlich liegt es doch an uns, wie wir die neu gewonnenen Freiheiten nutzen. Und um dies sinnvoll zu tun, müssten wir uns von unserer medial eingeimpften Geiz ist so toll Mentalität befreien. Ich kann das Netz ja auch dafür benutzen, nicht nach dem billigsten Anbieter zu suchen, sondern nach einem fairen. Nicht nach dem maschinell hergestellten Produkt, sondern nach einem handgemachten. Falls mir etwas daran liegt.

Viele Gedankenstränge zu einem komplexen Thema, kein wirklicher Fokus. Damit finde ich mich für heute ab. Immerhin: Fragen aufgeworfen hat das Buch des dread-belockten IT-„Zausels“, auch wenn er nicht der Nestbeschmutzer ist, zu dem ihn die deutsche Presse machen wollte.

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